01. Juni 2018:

Grußwort Juni

"Lieber Karl Marx,

ja, Du hast Recht. Viele von uns missbrauchen Religion als Opium. Danke für Deine harte Kritik. Aber lass Dir bitte auch etwas sagen: Viele von uns erleben Religion als Vitamin. Schade, dass Du solchen Christen offenbar zu wenig begegnet bist – Plakat im Schaukasten des Schweriner Doms am 17. März 1983, das nach kurzer Zeit entfernt werden musste."

(Das Zitat stammt aus dem lesenswerten Buch von Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 2009, Seite 192)

Die Nachfolge Christi war bis 1989 im Osten Deutschlands schwierig. Die Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) verstand mit der Lehre von Karl Marx Religion als Opium des Volkes und wandte sich gegen dieses Rauschmittel. Manche Christen haben in solchen Lebensumständen den öffentlichen Dialog versucht, so z.B. mit dem zitierten Plakattext. Dieser Text bekennt zunächst die relative Zustimmung zur marxistischen Religionskritik, sofern diese sich auf jedenfalls möglichen und immer auch tatsächlichen christlichen Missbrauch bezieht ("viele von uns missbrauchen Religion als Opium"). Solche "harte Kritik" wollen Christen dankbar annehmen, in diesem Sinne auch in eher religionskritischen Lebenswelten von Religionskritikern lernen.

Zum Dialogangebot dieses Plakattextes gehört allerdings nicht nur das dankbare Bekenntnis, von Religionskritikern lernen zu wollen. Gleichzeitig bekennen Christen sich zur Lebenskraft von Religion: "Viele von uns erleben Religion als Vitamin", also als ein notwendiges und unersetzliches Mittel für eine gedeihliche Lebensführung, die ohne Religion gar nicht möglich wäre, sondern zu schweren, ja lebensgefährlichen Mangelerscheinungen führen würde.

Wie Christen von Religionskritikern dankbar lernen können, haben sie diesen jedenfalls auch den erprobten Anspruch der Religion mitzuteilen, "Vitamin", Lebenskraft sein zu können, also gänzlich anders als "Opium". Von Christen, die "Religion als Vitamin erleben" könnte dann, orientiert nicht bloß am berechtigt zu kritisieren Missbrauch, sondern jedenfalls auch am bekennenden Gebrauch von Religion, Religionskritik aus Begegnungen mit Christen lernen.

Dieser Plakattext stellt somit Fragen an alle an diesem Dialogversuch Beteiligten, deren Selbstverständnis und deren Verständnis der jeweils anderen Seite. Gerade so mag er zum Nachdenken anregen.

Auch dazu wünsche ich Ihnen in der nahenden Ferienzeit gute Gelegenheit, vor allem aber Gottes Segen!

Pfarrer Göbbeler

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