27. November 2015:

Grußwort Dezember

Im Bedürftigen die fleischgewordenen Güte und Menschenliebe Gottes erkennen …

Anfang November kamen wir in einem Arbeitskreis auf die anstehende Advents- und Weihnachtzeit zu sprechen. Und irgendwann sagte eine Teilnehmerin, dass sie mit einem Kreis von Kindern einige Tage vor Weihnachten die "Herbergssuche" spielen wolle.
Einer, der diesen Begriff nicht kannte fragte, was denn die "Herbergssuche" sei.
Die meisten anderen wussten, worum es sich handelt. Eine aus dem Kreis erklärte, dass es hier um das Nachspielen der Herbergssuche der schwangeren Maria und ihrem Josef in Betlehem gehe, also um die Suche nach einer schützenden Bleibe für die Geburt Jesu.
Etwas sarkastisch schob ich hinterher, dass es in diesem Jahr sogar Tausende von Hauptdarstellern gebe.

Liebe Schwestern und Brüder, angesichts der Not der Flüchtlinge werden wir in diesem Jahr Weihnachten wohl nicht so unbefangen feiern können, wie sonst vielleicht; zumindest alle diejenigen nicht, die sich mit den Flüchtlingen und ihrer Lebenssituation auseinandersetzen.
In diesen Tagen kommen wir an den Schicksalen dieser armen Menschen, die aus Angst und Not ihre Heimat verlassen haben, nicht vorbei.
Und es wäre schon "schräg", wenn wir in beheizten Räumen und Kirchen die Weihnachtsgeschichte, zu der natürlich auch die Herbergssuche dazugehört, süßlich feierlich nachspielen, wohl wissend, dass vor den Grenzen unseres Landes, vor unseren Haus- und Kirchentüren, die Herbergssuche ganz real "aufgeführt" wird.

Einige Worte aus dem Brief des Apostels Paulus an Titus, die wir als Lesung am Weihnachtsmorgen hören werden, haben mich in diesem Zusammenhang nachdenklich gemacht:
"Als die Güte und Menschenliebe Gottes, unseres Retters, erschien, hat er uns gerettet". (Titusbrief 3,4)
Also in einem Kind, ganz schutzlos, ohne festem Dach über dem Kopf, ohne feste Bleibe, quasi auf der Flucht, offenbart sich die Liebe Gottes, um uns zu retten.
Unglaublich, aber wahr!

Geschieht das nicht auch in diesen Tagen bei uns, hier in Erkelenz und Umgebung?
Kann es nicht sein, dass sich dieses Ereignis von damals, hier bei uns, in den vielen Flüchtlingen wiederholt?

Ich hatte in den letzten Wochen einige Begegnungen, bei denen es mir war, als hätte ich da etwas von der fleischgewordenen Ohnmacht und Hilfsbedürftigkeit Gottes entdeckt.

Und mehr und mehr komme ich zu der Erkenntnis, dass dies "Rettung" ist:
In der Begegnung mit den Flüchtlingen können wir lernen, von uns selbst abzusehen und Ihn anzusehen.
Im Auge des Hilfsbedürftigen blickt uns Gott selbst an.
So rettet er uns von uns selbst zu einem Leben in Güte und Menschenliebe.
Wo das passiert, ist Weihnachten, erscheint Gott in unserer Welt.

Ich wünsche uns allen an Weihnachten in diesem Sinne gute Begegnungen auf Augenhöhe mit denen, die wir schon kennen und mit denen, die wir erst noch kennenlernen sollen.
Ihr Pastor Werner Rombach


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