30. April 2018:

Grußwort Mai

Horch! Mein Geliebter!

Sieh da, er kommt.

Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel.

Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch.

Er spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch!

Denn vorbei ist der Winter, verrauscht ist der Regen.

Auf der Flur erscheinen die Blumen; die Zeit zum Singen ist da.

Die Turteltaube ist zu hören in unserem Land.

Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte, die blühenden Reben duften.

Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch!

Dein Gesicht lass mich sehen, deine Stimme hören!

Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.

 

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

zum "Wonnemond" ein Liebesgedicht!

Beim ersten Lesen könnte man sich fragen, wer ist der Verfasser oder wo ist es zu finden?

Der Hinweis auf die Bibel lässt vielleicht erstaunen. Der Text entstammt dem sog. "Hohenlied" oder in der Übersetzung des hebräischen Titels aus dem "Lied der Lieder". Man hat es Salomo zugeschrieben. Es hört sich wenig fromm an, eher sinnlich, nachgerade erotisch. In der Tat, es nimmt Bilder für sinnliche Liebe aus dem gemein altorientalischen Kulturkreis auf, etwa die Garten- und Weinbergsymbolik. Aber bei näherem Hinsehen stellen wir fest, dass gerade im Alten Testament häufig gleiche oder ähnliche Bilder verwendet werden, um von der Liebe zu reden, von der zwischenmenschlichen Liebe, aber dann auch übertragen auf das Verhältnis der Liebe Gottes zum Volk Israel (vgl. das Buch Hosea).

Ein Wesensmerkmal der Liebe sticht allein im vorstehenden Abschnitt des Liedes ins Auge: Liebe ist dialogisch strukturiert. Die Geliebte preist die Schönheit, die Grazilität ihres Geliebten, der Geliebte animiert die Geliebte zu Liebesaktivitäten; der Hinweis auf die Turteltaube dürfte die entsprechenden Assoziationen wecken.

Anfang des 1. Jahrhunderts n. Chr. kamen in jüdischen Kreisen, nicht zuletzt aufgrund der "reizvollen" Bilder, Zweifel hinsichtlich seiner kanonischen Geltung auf; sie wurden aber zurückgewiesen mit Berufung auf die Überlieferung.

Das "Hohelied" ist wegen seines Charakters quasi ständig ein Zankapfel der Auslegungsrichtungen geblieben; die einen ließen nur eine sog. "allegorische" Deutung gelten, weil das wörtliche Verständnis für die Bibel nicht seriös genug erschien, andere pochten gerade wegen seiner literarischen Besonderheit auf das wörtliche Verständnis. Obwohl das "Hohelied" von der Liebe handelt, sind die Auslegungsschulen nicht gerade liebevoll miteinander umgegangen. Reklamierung von Ausschließlichkeit lässt allemal Ideologieverdacht aufkommen. So wie die Liebe als solche uns in der "Schwebe des Lebendigen" (Max Frisch) hält, so dürften wir auch die Gültigkeit und Wertigkeit der Auslegetraditionen getrost in der Schwebe lassen.

Für die christliche Mystik ist das "Hohelied" geradezu zur Fundgrube geworden, etwa die Vereinigung der individuellen Seele mit Gott. Eine Kostprobe von Meister Eckhart (ca. 1260 – 1328) möge dies illustrieren, wenn er sagt: "Wenn der Seele ein Kuss widerfährt von der Gottheit, so steht sie in ganzer Vollkommenheit und in Seligkeit, da wird sie umfangen von der Einheit." Die Mystiker zeigen in ihrer ganzheitlichen Offenheit einen unbekümmerten Umgang mit den biblischen Vorlagen.

Eine spezielle Deutung hat die marianische Frömmigkeit aus dem "Hohenlied" geschöpft, als in diesem die Liebe zwischen dem ewigen Sohne Gottes und der jungfräulichen Mutter vorgebildet gesehen wurde. Viele Anrufungen in der "Lauretanischen Litanei" entstammen der Symbolik des "Hohenliedes". Auch zahlreiche Antiphonen zu den Muttergottesfesten haben im "Hohenlied" ihre  textliche Grundlage, musikalisch in der "Marienvesper" von Claudio Monteverdi (1567 – 1643) unübertroffen vertont.

In der jüdischen Liturgie wurde das "Hohelied" am Paschafest vorgetragen als Ausdruck dafür, dass in der Herausführung aus der Knechtschaft die Liebe JHWHs zum Volk Israel seine Aufgipfelung erreichte. In der Liturgie der Kirche kann der oben vorgestellte Abschnitt des "Hohenliedes" (Hld 2, 8 – 14) am 21. Dezember, also dem fünften Tag des "Hohen Advent", verlesen werden. Ich nehme diese Möglichkeit immer wahr, um das Paradoxon herauszustellen, dass am kalendarischen Winteranfang verkündet wird: "Denn vorbei ist der Winter…"

Wo Gott den Menschen seine Liebe zuwendet, brechen sich Wärme und Licht Bahn, selbst gegen kosmische Mächte.

Vielleicht vermittelt Ihnen die Lektüre des "Hohenliedes" mit seiner sprachlichen und inhaltlichen Ästhetik einen Wonnegenuss im Monat Mai.

 

Ihr

Pfarrer Dr. Roland Scheulen

zurück